INFORMATIVES
Hier erscheinen immer wieder neue Berichte, Fachwissen, Auszüge aus Büchern über ADD/ADHD etc.
Auszüge aus dem Buch
"Das Schattensyndrom"
von Ratey/Johnson
plus Zwischenbemerkungen von mir (Liona)
(mitunter unfertige texte, welche aktualisiert werden. unfertig bedeutet dennoch nicht - verschwimmungen von inhalten - und auch, daß ich zu verschiedenen absätzen noch kommentare hinzufügen werde.)
... In Amerika haben »Hyper«-Menschen schon immer große Anziehung ausgeübt. Schließlich sind wir Angehörige der Neuen Welt, und allein schon die Kraft und der Mut, die unsere eingewanderten Vorfahren brauchten, um aufzubrechen und ganze Kontinente zu überqueren, sind Eigenschaften, die wir hochschätzen: Eigenschaften nicht ganz unähnlich der Hochspannung, dem leicht manischen Verhalten, das wir als Bestandteil der Aufmerksamkeitsstörung (ADD) kennen.
... Wir können sicher sein, daß auf diesen Schiffen mehr als nur einige wenige hyperaktive Abenteurer mitfuhren.
Inzwischen sind die Grundzüge der Aufmerksamkeitsstörung vielen vertraut geworden: ADD hält man für einen Makel im Aufmerksamkeitssystem, der es einem Kind oder Erwachsenen erschwert, auf Kommando aufmerksam zu sein. »Auf Kommando« ist hier der entscheidende Ausdruck, weil ein Kind mit ADD zu bestimmten Zeiten hyperfokussieren kann und dies auch tut: es kann sich an einem Thema oder einer Aktivität festbeißen (z.B. an einem Videospiel) und unfähig sein, sich davon zu lösen.
Weil ein Individuum mit ADD von einem Aufmerksamkeitsextrem zum anderen pendelt, von viel zu wenig Aufmerksamkeit zu viel zuviel, sind einige Fachleute mit dem Etikett »Aufmerksamkeitsdefizit« nicht zufrieden und halten es zu Recht für eine Fehlbezeichnung. Das Problem ist eine Unbeständigkeit der Aufmerksamkeit und nicht ein absoluter Mangel an Aufmerksamkeit.
Weniger bekannt ist allgemein, daß ADD-Kinder sich in mindestens zwei separate Gruppen einteilen lassen: die einen haben ADHD (attention deficit hyperactivity disorder; Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung), die anderen haben ADD ohne das H (für Hyperaktivität).
... (Impulsivität) Der Erwachsene mit ungenügender Impulskontrolle hat vielleicht gelernt, sich umzusehen, bevor er über die Straße geht, doch er leidet weiterhin unter übermäßigem Redefluß. Wenn es ihm in den Sinn kommt, zu seinem Chef zu sagen, er sei ein mieser Typ, so sagt er es; wenn ihm bei einem Ehestreit die Worte »Ich kann deinen Anblick nicht mehr ertragen« durch den Kopf schießen, so kommen sie heraus.
Voreilige, unüberlegte Handlungen finden ebenso schnell statt, wie seine impulsiven Äußerungen erfolgen: der ADD-Erwachsene stürzt sich in Beschäftigungen, Beziehungen, Projekte und Verpflichtungen, die er ebenso schnell wieder aufgibt. Und natürlich kann der Erwachsene, der an einem ausgeprägten Syndrom leidet, im schlimmsten Fall auch gewalttätig werden. Bei der ADD-Person ist der überlegende, filternde und zensierende Mechanismus, den wir für das Funktionieren in der Welt alle brauchen, beeinträchtigt.
... (Zerstreutheit) Typisch dafür ist wiederum der kleine Junge oder das Mädchen, das nicht am Fenster sitzen kann. ADD-Kinder sind sehr leicht abzulenken; es fällt ihnen schwer, bei einer bestimmten Aufgabe zu bleiben, weil sie durch >alles< abgelenkt und aus der Bahn gebracht werden.
Der ADD-Erwachsene leidet genauso stark an diesem Problem; es kann sich für einen ADD-Erwachsenen als unmöglich erweisen, in einer normalen Arbeitsumwelt mit ihren klingelnden Telefonen und den schwatzenden Kollegen irgend etwas zustande zu bringen. Eine zerstreute Person muß vielleicht sehr weite Wege gehen, um ein Umfeld zu schaffen, das es ihr ermöglicht, sich zu konzentrieren: eine Frau, Professorin in Geschichte, fand heraus, daß sie ihre schriftliche Arbeit tief in der Nacht erledigen mußte, wenn die Stadt schlief. Selbst dann empfand sie das Geräusch des Kühlschranks noch als unerträglich ablenkend. ....
... Menschen wie Paul widerfährt dies jeden Tag, Stunde um Stunde. Sie können mitten in einer lebenswichtigen Diskussion mit einem geliebten Menschen stecken und ertappen sich plötzlich bei dem Gedanken, daß sie das Auto waschen sollten. Kein Wunder, daß dieses häufige Abgelenktsein bei dem schon seit langem darunter leidenden Partner nicht gut ankommt.
Die große Zerstreutheit des Erwachsenen mit einer Aufmerksamkeitsstörung ist vermutlich auch für die beiden anderen Kennzeichen des Syndroms verantwortlich: für die Mühe des ADD-Erwachsenen, sich zu organisieren und für seine Neigung, alles zu vergessen, was er vor wenigen Augenblicken getan, gedacht oder gesagt hat. Der klassische ADD-Erwachsene lebt wahrscheinlich in einem Wirbel von vergessenen Besorgungen und Verpflichtungen, während er von einer Tätigkeit, Person oder Gedankenreihe zur anderen springt, unfähig, lange genug bei einer einzigen zu verweilen, um seine Anstrengungen zu einem richtigen Ende zu bringen.
von Liona Zwischentext: ich bin nun seit tagen auf meiner ADDchaotic-Schiene und fühle das chaos über mir zusammenstürzen. chaos im sinne von erledigungen, welche einfach zum stillstand gezwungen sind. so schreibt mir gasag und bewag, daß ich bis zum 12.09.00 zahlen muß (spätestens und nach 3. mahnung) - und ich heute schon den 13.09.00 zur kenntnis nehme. heute nacht hatte ich dann z.b. an gasag und bewag ein fax geschickt, daß ich alle zahlungen geleistet habe per 12.09.00 (um diese ruhig zu stimmen). ich hatte mir für heute wirklich vorgenommen meinen riesen papierberg zu erledigen, wo sich noch zig unbezahlte rechnungen befinden. und nun ist es 11:22 uhr - ich sitze hier und schreibe; keine einzige zahlung ist erledigt. ich bin ungeduscht im arbeitszimmer, hetze über die tastatur, sehe in meine mailbox, bin hungrig und habe nichts zu rauchen. kribbeln pur zum verrückt werden.
... (Körperliche oder geistige Hyperaktivität) Körperliche Hyperaktivität ist uns allen vertraut: z.B. bei dem Erwachsenen, der andauernd auf und ab geht, mit einem Bein zuckt, ständig vor sich hinkritzelt oder Fingernägel kaut. Geistige Hyperaktivität, das rauschende, vibrierende Gehirn, ist das innere Korrelat zum Zucken mit den Beinen. Eine hyperaktive Person unterbricht einen fortwährend, wechselt im Gespräch das Thema, bevor ein anderer überhaupt dazu bereit ist, und kann nachts nicht einschlafen, weil das Hirn immer weiterarbeitet.
Eine weitere Facette der ADD, die noch nicht richtig verstanden wird, zeigt sich schließlich darin, daß einige Betroffene, wenn auch nicht alle, spezifische Mängel in den sozialen Fertigkeiten aufweisen. ...
... Warum Menschen mit ADD Probleme damit haben, solche Signale zu lesen, ist nicht klar, auch wenn manche annehmen, dies sei nur eine weitere Folge des vibrierenden Gehirns: Männer und Frauen mit ADD können Körpersprache vielleicht deshalb nicht lesen, weil sie sich nicht lange genug einstimmen können, um die Körpersprache vollständig zu erfassen. Und weil die Kindheit des ADD-Erwachsenen in einem Gewimmel von Aktivitäten an ihm vorbeigerauscht ist, so die Erklärung, hat er nicht die gleiche Lektion wie wir auf dem Schulhof mitbekommen, um die Körpersprache der anderen zu lesen. ...
.........., die Menschen besäßen nicht nur eine einzige allgemeine Intelligenz, sondern viele separate Intelligenzen. Soziale Intelligenz - die Fähigkeit, uns selbst und die Menschen in unserer Umgebung zu lesen und zu verstehen - ist Gardner zufolge nur eine von mindestens sechs Intelligenzen. So kann jemand eine relativ >niedrige< soziale Intelligenz haben und trotzdem in einer anderen Intelligenz brillieren, etwa in der Intelligenz, die der Mathematik oder der Musik zugrunde liegt. ...
... Im voll entwickelten Fall von ADD beim Erwachsenen können die Kernsymptome ein ganzes Leben zersetzen. Wie das kindliche Selbst lebt auch der an einer schweren ADD leidende Erwachsene nicht auf der Höhe seines Potentials. Bei schwerer ADD kann das Warten auf die Entfaltung zeitlebens andauern, und der Betroffene bleibt in einem Gefühl der Verwirrung zurück. Der klassische Fall der voll entwickelten ADD ist die intelligente Person, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen kann und im Laufe der Jahre immer demoralisierter, ängstlicher und depressiver wird.
Bei jemanden mit leichter ADD kann sich dies jedoch ganz anders verhalten; er ist nicht einfach die etwas weniger chaotische Variante eines ernsthaft Betroffenen. ...
Hyperaktivität hat ihre Vorteile: hohe Energie, große Begeisterung und die Fähigkeit zur Hyperfokussierung: alles Eigenschaften, die einer Person in gewissen Bereichen in große Höhen entführen können. ...
... Deshalb kann es jemand mit leichter ADD im Leben zu einem brillantem Erfolg bringen - zumindest im Arbeitsleben -, wenn er seinen Beruf und das unstete Funktionieren seines Geistes gut aufeinander abstimmt. ...
... Neben der Tatsache, daß der Erwachsene mit leichter ADD definitionsgemäß leichtere Probleme hat, genießt er gegenüber jemanden mit schwerer ADD noch einen weiteren Vorteil: den Vorteil seiner Fähigkeit, diese Probleme überhaupt wahrnehmen und einzuschätzen. Eine Störung wie die ADD betrifft sowohl das Denken als auch die Emotionen; sie wirkt auf elementare kognitive Prozesse ein. Im Falle des ADD-Erwachsenen, der mit seiner Störung zurechtzukommen versucht, kann die Desorganisation, die sein Denken betrifft, ihn vielleicht dazu bringen, in den Spiegel zu schauen und ein völlig mangelhaftes menschliches Wesen zu erblicken: ein »Rauschen« im Spiegel - ein Rauschen, welches das stimmige, vielfältige und nuancierte Selbstwertgefühl stört. Im Gegensatz dazu genießt der leicht hyperaktive Erwachsene das Glück, sich selbst von außen sehen zu können und etwas viel Genaueres und Realeres zu erblicken: ....
... Während jemand mit leichter ADD bei der Arbeit oft glänzen kann, sieht sein Privatleben wahrscheinlich etwas anders aus.
... , ob leichte oder schwere ADD, ... Neigung zur Abhängigkeit von der Umwelt. ...
... In diesem Sinne ist die Aufmerksamkeitsstörung nicht einfach eine Lehrbuchdiagnose neben anderen: die ist eine neuartige Diagnose; eine Diagnose, die die herkömmliche psychiatrische Hierarchie - erst kommen die Emotionen und dann alles andere - auf den Kopf stellt. Mit »aufmerksam sein auf die Aufmerksamkeit« stellen ADD-Forscher einen der Grundlehrsätze der heutigen Psychiatrie in Frage: den Vorrang der Stimmung, wenn es um die Festlegung geht, ob jemand gut funktioniert oder nicht. ...
Demnächst Auszüge aus:
Was wollen die Frauen?
Die verrückte Hausfrau
Das träge Gehirn
Männer, Liebe und ADD
Wall-Street-Cowboys
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